Die Kraft der Tracht

In der Galerie Ira Stehmann Fine Art in München widmet sich die Fotografin Corina Gertz einem ungewöhnlichen Blick auf kulturelle Identität. Ihre Serie Das abgewandte Porträt stellt Frauen in traditioneller Kleidung in den Mittelpunkt – und verweigert zugleich das klassische Porträt. Die Figuren erscheinen meist von hinten vor tiefschwarzem Hintergrund. Gesichter bleiben unsichtbar, individuelle Merkmale treten bewusst zurück. Was bleibt, ist die Präsenz der Kleidung selbst: Stoffe, Stickereien, Ornamente und handwerkliche Details werden zu Trägern von Geschichte, Erinnerung und kulturellem Wissen. Die Fotografien wirken ruhig und konzentriert, fast meditativ, und lenken die Aufmerksamkeit auf jene Elemente, die im Alltag oft übersehen werden.

Viele der gezeigten Trachten sind keine Museumsstücke, sondern persönliche Erbstücke. Sie wurden über Generationen hinweg weitergegeben und erzählen von Herkunft, sozialer Zugehörigkeit und familiären Traditionen. In den Mustern und Materialien spiegeln sich Lebensgeschichten, regionale Identitäten und handwerkliche Techniken, die über lange Zeiträume bewahrt wurden. Indem Corina Gertz die Individualität der Porträtierten zurücknimmt, entsteht eine neue Form des Porträts – eines, das weniger auf das einzelne Gesicht als auf ein kollektives kulturelles Gedächtnis verweist. Kleidung wird zum stillen Archiv, das soziale Rollen, Rituale und historische Entwicklungen sichtbar macht.

Die Ausstellung vereint Arbeiten aus Deutschland, China und Rumänien. In Deutschland richtet Gertz den Blick auf regionale Trachten, die jenseits folkloristischer Klischees als Ausdruck lebendiger kultureller Praxis erscheinen. In China porträtiert sie Angehörige verschiedener ethnischer Gruppen, deren Gewänder komplexe Informationen über Familienstrukturen, Lebensphasen und gesellschaftliche Zugehörigkeit transportieren. In Rumänien wiederum wird Kleidung zum vielschichtigen Dokument generationsübergreifender Traditionen, in dem Handwerk, Ritual und persönliches Erbe miteinander verwoben sind.

Formal zeichnet sich die Serie durch eine klare, reduzierte Bildsprache aus. Die Figuren stehen isoliert vor einem dunklen Hintergrund, das Licht modelliert Stoffe und Farben mit großer Präzision. Die Fotografien erinnern in ihrer Komposition an historische Porträtmalerei – insbesondere an die konzentrierte Bilddramaturgie niederländischer Meister. Gleichzeitig bleiben sie in ihrer Haltung zeitgenössisch und dokumentarisch. Diese Spannung zwischen kunsthistorischer Referenz und ethnografischem Interesse prägt die gesamte Werkreihe.

Corina Gertz verbindet in ihrer Arbeit eine analytische Neugier mit großer visueller Sensibilität. Ursprünglich als Modedesignerin ausgebildet, interessiert sie sich seit vielen Jahren für Kleidung als kulturelles Zeichensystem. In ihren fotografischen Serien untersucht sie, wie Stoffe, Schnitte und handwerkliche Techniken gesellschaftliche Strukturen sichtbar machen können. Ihre Bilder sind keine nostalgischen Rückblicke, sondern präzise Beobachtungen darüber, wie Traditionen im Alltag weitergetragen werden. Gerade in einer globalisierten Gegenwart, in der visuelle Codes immer stärker vereinheitlicht erscheinen, wirkt dieser Blick auf regionale Besonderheiten umso eindringlicher.

Die Ausstellung in München zeigt diese Arbeiten erstmals in einem größeren Zusammenhang. Sie lädt dazu ein, Kleidung nicht nur als ästhetisches Objekt zu betrachten, sondern als Medium von Erinnerung, Wissen und kultureller Kontinuität. In der konzentrierten Stille der Fotografien wird sichtbar, wie viel Geschichte in einem Stoff, einer Stickerei oder einer Silhouette gespeichert sein kann. Das abgewandte Porträt öffnet damit einen Raum der Beobachtung, in dem sich persönliche und kollektive Geschichten begegnen.

Corina Gertz lebt und arbeitet in Düsseldorf. Ihre fotografischen Projekte entstehen häufig über lange Zeiträume und in enger Zusammenarbeit mit den porträtierten Gemeinschaften. Dabei interessiert sie sich weniger für spektakuläre Inszenierungen als für die stillen Spuren kultureller Praxis. Die Ausstellung Das abgewandte Porträt – Die stille Präsenz kultureller Traditionen ist bis Ende März 2026 in der Galerie Ira Stehmann Fine Art in der Prinzregentenstraße 78 in München zu sehen.