Soft Structures

München gehört nicht zu den Städten, die sich laut als Designmetropole inszenieren. Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke. Zwischen Werkstätten, Hochschulen und kleinen Studios hat sich in den vergangenen Jahren eine junge Szene entwickelt, die sich präzise mit Material, Funktion und Raum beschäftigt. Sichtbar wird diese Entwicklung besonders während der Munich Design Days oder des Münchner Stoff Frühlings, wenn sich die Stadt in ein Netzwerk aus Ausstellungen, Showrooms und temporären Designräumen verwandelt. Viele der gezeigten Arbeiten setzen sich dabei intensiv mit Textilien auseinander – nicht als dekoratives Detail, sondern als konstruktives Element im Möbel- und Produktdesign.

Der Zusammenschluss „Stammtisch“, eine Gruppe junger Produktdesignerinnen und -designer aus München, präsentierte auf den Munich Design Days 2026 erstmals gemeinsam entwickelte Arbeiten. In Kooperation mit Kvadrat entstanden speziell für die Ausstellung entworfene Objekte, die das Potenzial von Textilien im zeitgenössischen Design ausloten. Gezeigt wurde die Präsentation in den Atelierräumen der Praterinsel; das Spatial Design wurde von JAB und Little Greene unterstützt.

Marcus Götschl greift mit seinem Paravent eine archetypische Idee auf: das Zelt. Seit Jahrhunderten steht diese Konstruktion für Schutz, Rückzug und Mobilität. Götschl überträgt dieses Prinzip in den Innenraum und entwickelt daraus eine Art temporäre Architektur. Aluminiumrohre, Fiberglasstangen und textile Flächen bilden eine leichte Struktur, die Räume zoniert und gleichzeitig offen bleibt. Das Textil übernimmt dabei eine zentrale Rolle. Es schafft eine weiche Grenze, die nicht trennt, sondern Atmosphäre erzeugt. Zwei unterschiedliche Stoffqualitäten verändern die Wirkung des Objekts deutlich: ein transluzentes, technisches Gewebe erinnert an das Innenzelt eines Campingsystems, während ein dichterer Polsterstoff Wärme und Ruhe in den Raum bringt. Der Paravent funktioniert damit weniger als Möbelstück im klassischen Sinne, sondern eher als räumliche Geste.

Auch Frederik Buchmann interessiert sich für textile Volumen, allerdings aus einer ganz anderen Perspektive. Sein Sessel Puffy Marcel verzichtet bewusst auf traditionelle Polstertechniken. Statt komplexer Schichtsysteme besteht der Entwurf aus einer einfachen Konstruktion aus Holz und Aluminiumrohren, auf der vier kissenartige Module liegen. Diese bilden gemeinsam eine weiche Sitzlandschaft, deren Komfort aus der Anordnung der Elemente entsteht. Der Körper kommt ausschließlich mit den gepolsterten Flächen in Kontakt, während die Struktur im Hintergrund bleibt. Der Sessel wirkt dadurch leicht und unkompliziert, beinahe beiläufig. Gleichzeitig zeigt er, wie Möbelproduktion reduziert werden kann, ohne auf Komfort zu verzichten.

Beim Holiday Chair von Stefan Troendle spielt dagegen die Idee der Langlebigkeit eine zentrale Rolle. Der vollständig mit Stoff bezogene Lounge-Sessel entstand aus einer intensiven Recherche zu Ergonomie und Designgeschichte. Seine Form wirkt ruhig und selbstverständlich, doch die Konstruktion folgt einer klaren Logik: Alle Elemente sind zugänglich, austauschbar und reparierbar. Die Polster können abgenommen, gereinigt oder ersetzt werden, ohne dass die Struktur beschädigt wird. Troendle verzichtet bewusst auf unsichtbare Verbindungen oder industrielle Standardlösungen, die Reparaturen erschweren würden. Stattdessen entsteht ein Möbel, das langfristig nutzbar bleibt – ein Ansatz, der im zeitgenössischen Produktdesign zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Moritz Gäckles Lap Chair lebt von einem Spiel mit Gegensätzen. Ein gebogenes Stahlrohrgestell bildet die stabile Grundlage, während textile Flächen darüber gespannt werden und den Sitzkomfort erzeugen. Zwischen den Stoffelementen bleibt das pulverbeschichtete Gestell teilweise sichtbar und erzeugt einen spannenden Kontrast zwischen festen und flexiblen Materialien. Der textile Bezug lässt sich über Schraubverbindungen und seitliche Klettsysteme lösen, reinigen oder austauschen. Der Stoff wird so zu einem aktiven Bestandteil des Systems und verändert nicht nur den Komfort, sondern auch die visuelle Wirkung des Objekts.

Während viele der Arbeiten mit Textilien als funktionale Elemente arbeiten, nutzt Lukas Heintschel Stoff eher als Mittel der Inszenierung. Sein Drama Spiegel verwandelt eine alltägliche Form in ein kleines Bühnenbild. Die runde Spiegelfläche wird von gerafftem Textil umgeben, dessen Falten und Rüschen dem Objekt eine beinahe theatrale Präsenz verleihen. Der Stoff wirkt wie ein Vorhang, der den Spiegel rahmt und gleichzeitig seine Wirkung verstärkt. Licht spiegelt sich in der glatten Oberfläche und fällt auf die textile Struktur zurück, wodurch der Stoff eine unerwartete Tiefe erhält. Je nach Materialwahl kann der Spiegel warm und wohnlich wirken oder fast futuristisch erscheinen. Das Objekt zeigt, wie stark Textilien die Wahrnehmung eines Designs verändern können.

Eine andere Perspektive auf textile Strukturen eröffnet Anna-Lena Wolfrum mit ihrem Trolley Bloc. Ausgangspunkt des Entwurfs ist eine erstaunlich einfache Idee: ein nahezu flaches Stück Stoff in einen räumlichen Körper zu verwandeln. Der textile Loop wird über Edelstahlstäbe gespannt und bildet so eine klare Boxstruktur. Die einzelnen Ebenen sind über eine Achse miteinander verbunden und lassen sich aufdrehen, sodass der Inhalt zugänglich wird. Trotz seiner funktionalen Aufgabe wirkt das Objekt leicht und beinahe grafisch. Der Stoff übernimmt dabei nicht nur eine dekorative Rolle, sondern wird zum strukturellen Element des Möbels.

Auch die Leuchte Orbit von Aurelia Pleyer und Lilian Onstenk arbeitet mit der Beweglichkeit von Textil. Ein Stoff hängt locker von einer Metallstruktur herab und erinnert an einen Vorhang. Durch leichte Verschiebungen verändert sich nicht nur die Form des Materials, sondern auch die Wirkung des Lichts. Der Stoff filtert die Lichtquelle und erzeugt unterschiedliche Farbtöne und Atmosphären im Raum. Das Objekt reagiert auf Bewegung und verändert sich im Alltag immer wieder neu. Licht wird so nicht mehr nur als technische Funktion verstanden, sondern als atmosphärisches Element.

Was all diese Arbeiten verbindet, ist ein gemeinsames Interesse an Materialität. Textilien werden hier nicht als dekoratives Add-on eingesetzt, sondern als integraler Bestandteil der Konstruktion. Sie können Raum definieren, Komfort erzeugen, Licht filtern oder Objekte transformieren. Gleichzeitig bringen sie eine gewisse Unvorhersehbarkeit mit sich. Stoff reagiert auf Spannung, Bewegung und Licht – Eigenschaften, die ein Design lebendig wirken lassen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich viele junge Gestalterinnen und Gestalter derzeit wieder intensiv mit Textilien beschäftigen. In einer Zeit, in der Möbel häufig aus standardisierten Materialien und industriellen Prozessen entstehen, eröffnet Stoff eine andere Perspektive. Er erlaubt Experimente, reagiert sensibel auf seine Umgebung und verbindet handwerkliche Tradition mit zeitgenössischer Gestaltung.

München bietet dafür ein überraschend produktives Umfeld. Die Stadt ist vielleicht kein spektakulärer Design-Hotspot, doch sie verfügt über ein dichtes Netzwerk aus Werkstätten, Hochschulen, Herstellern und Studios. Viele der beteiligten Designerinnen und Designer arbeiten eng mit lokalen Handwerksbetrieben zusammen oder entwickeln ihre Prototypen in improvisierten Werkstätten. Diese Nähe zwischen Idee und Produktion prägt die Atmosphäre der Szene.

Die Arbeiten zeigen, dass sich hier gerade etwas entwickelt, das nicht auf große Gesten angewiesen ist. Statt spektakulärer Formen oder technologischer Effekte entstehen Objekte, die aus einer präzisen Auseinandersetzung mit Material, Nutzung und Raum hervorgehen. Stoff wird dabei zur verbindenden Sprache einer Generation, die Möbel, Licht und Architektur neu denkt – leise, experimentell und mit einem bemerkenswerten Gespür für Atmosphäre.

Fotos: Caroline Martin © Moritz Gäckle © Michael Frick © Jonas Heintschel © Lukas Heintschel © Michael Hopf © Nina Pacherova © Noel Richter © Sebastian Rumler © Stefan Troendle