Florenz kann vieles: Renaissance, Aperitivo, Chaos in schön. Zur Pitti Uomo 109 kommt ein weiterer Zustand hinzu: Bewegung als Prinzip. „Motion“ steht als Leitthema über der Messe, wirkt vor Ort jedoch weniger wie ein kuratorischer Claim als wie eine präzise Beschreibung dessen, was passiert, sobald sich die Tore der Fortezza da Basso öffnen. Wer hier ankommt, ist bereits Teil der Choreografie – Streik im Zugverkehr und Einschränkungen im Taxibetrieb, die Ankunft bereits zum Teil der Choreografie machen. Mehr als 750 Marken, fast zur Hälfte international, verdichten sich in diesen Tagen zu einem vielschichtigen Stimmungsbild der Herrenmode, während auf den Gängen Italienisch, Englisch, Deutsch und Niederländisch ineinanderlaufen wie ein lebendiges Protokoll der Branche. Im Padiglione Centrale, traditionell dem klassischen Segment vorbehalten, ist die Frequenz vom ersten Tag an hoch, die Stände gut besucht, die Gespräche konzentriert. Auffällig ist weniger das Tempo als die Haltung: weniger Durchlauf, mehr Verweildauer, mehr Aufmerksamkeit für Details, Materialien und Schnitte.









Bei Dressler zählen Schnitte, Stoffe und Proportionen – Aufmerksamkeit statt Autopilot, während bei Olymp Präsenz und Lage den Takt vorgeben und der Kaffee leise Regie führt. Doucal’s verbindet handwerkliche Tradition mit zeitgemäßen Fertigungsmethoden und einem feinen Gespür für Material, Proportion und Detail. Von Mailand und Paris aus ist Doucal’s international präsent – mit Schuhen, die Leichtigkeit, Präzision und italienische Haltung leise zusammenbringen. Schuhe und Accessoires werden so zu Begleitern für lange Tage und leise Übergänge. Diese Form der Konzentration zieht sich wie ein feiner Faden durch die Messe und verleiht ihr eine Ernsthaftigkeit, die nichts mit Schwere zu tun hat, sondern mit Interesse. Gerade in diesem Umfeld werden auch jene leiseren Positionen sichtbar, die nicht auf den ersten Blick dominieren, sich aber im zweiten Moment als präzise Entdeckungen erweisen.






Labels wie ELHO oder Quartz fügen sich nicht als laute Statements ins Messebild, sondern als sorgfältig gesetzte Akzente, die Aufmerksamkeit einfordern, ohne sie zu erzwingen. ELHO setzt auf klare Visionen und übersetzt alpine Performance in eine zeitgemäße, urbane Sprache. Gegründet 1948 und 2024 neu gedacht, verbindet das Label technisches Know-how mit progressivem Design und verantwortungsvollen Materialien. Entstanden ist Outdoorwear, die sich zwischen Berg und Stadt selbstverständlich bewegt. Quartz bringt eine andere Spannung ins Spiel: funktional gedacht, technisch fundiert, dabei frei von demonstrativer Performance, Outerwear als präzise Antwort auf reale Anforderungen, klar konstruiert, konzentriert im Ausdruck, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Beide Positionen stehen exemplarisch für jene neue Ernsthaftigkeit jenseits der großen Namen, die der Pitti Tiefe verleiht und zeigt, dass Innovation hier nicht über Spektakel definiert wird, sondern über Substanz. Duno wiederum entwickelt seine techno-sartoriale Linie weiter und versteht Outerwear als präzises Werkzeug für Alltag und Bewegung, mit abnehmbaren Elementen, klaren Linien und hochwertigen italienischen Stoffen, die Schutz, Komfort und urbane Flexibilität verbinden.


Einen funktionalen Blick bringt 04651 / A Trip in a Bag, gegründet von Lars Braun von BRAUN Hamburg: ein bewusst entwickeltes Projekt, das Mobilität, Funktion und Alltag zusammendenkt und daraus eine eigenständige Handschrift formt, international präsent und leise wachsend von New York bis München.





Gabriel Stunz bringt eine leise, präzise Handschrift nach Florenz: reduziert, durchdacht und nah am Produkt, geprägt von seinen Stationen bei Häusern wie Comme des Garçons und Hed Mayner. Mit „Les cendres de Lescaut“ denkt er Eleganz aus Übergängen und Widerstand heraus, arbeitet mit schweren Flanellen, kompakten Baumwollen und technischen Mischungen, die auf Layering und Dauer zielen statt auf schnelle Wirkung. Auch jenseits der Stoßzeiten bleibt die Stimmung auf dem Gelände lebendig, während sich die Dynamik in den Hallen mit sportlicher Outerwear, Sneakers und jüngeren Marken im Tagesverlauf spürbar ausdünnt und der Fokus sich wieder stärker auf jene Bereiche richtet, in denen Materialität und Haltung das Gespräch bestimmen.


Parallel dazu erweitert sich der thematische Rahmen der Messe: Mit HiBeauty öffnet Pitti Uomo ein neues Segment für Nischendüfte und Skincare und reagiert damit auf eine Männermode, die Pflege längst nicht mehr als Randnotiz begreift, sondern als selbstverständlichen Teil des Erscheinungsbildes. Ergänzt wird diese Öffnung durch die strategische Partnerschaft mit Hyperscout, die erstmals KI-gestützte Matchmaking- und Profiling-Tools ins Messeökosystem integriert und Florenz als Ort positioniert, an dem Stil und Struktur gleichzeitig verhandelt werden, nicht als Gegensätze, sondern als sich ergänzende Werkzeuge einer Branche im Wandel.

Bereits der Eingang setzt den Ton: Die Installation „Ancient/New Site“ von Marc Leschelier bespielt die Piazza-Zone der Fortezza mit monumentalen Blöcken und spannt einen Bogen zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen gebauter Erinnerung und zeitgenössischer Setzung, zwischen Masse und Maßstab. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen erneut die internationalen Gastdesigner, die dem abstrakten Begriff „Motion“ konkrete Bilder geben und ihn aus der Theorie ins Erlebbare übersetzen. Hed Mayner verlegt seine Präsentation an die Stazione di Firenze Santa Maria Novella, in die Palazzina Reale, deren rückwärtiger Teil direkt an die Gleise grenzt – ein Ort, der Bewegung nicht behauptet, sondern verkörpert, Übergang, Ankunft und Aufbruch zugleich. Mit 34 Looks und einem gemischten Casting entwirft der Designer eine Vorstellung von modernem Tailoring, das klassische Menswear nicht zitiert, sondern neu ordnet: stark ausgeprägte Schultern, bewusst gesetzte Volumenbrüche, asymmetrische Schnitte und ein präzises Spiel mit Layering bestimmen das Bild, ergänzt durch Materialien und Oberflächen, die Gegensätze nicht glätten, sondern bewusst nebeneinanderstehen lassen. Muster und Haptiken wie Hahnentritt, Plissee oder silberne Pailletten treten in Dialog mit weich fließenden Stoffen, Gabardine aus Wolle und Samt, während sportliche und uniforminspirierte Elemente die Silhouetten erden und ihnen jene Spannung verleihen, die zwischen Strenge und Leichtigkeit pendelt.








Einen völlig anderen, beinahe poetischen Zugang wählt Shinyakozuka, der den florentinischen Runway in eine künstliche Winterlandschaft verwandelt und Mode als erzählerisches Medium versteht. Kunstschnee, weiße Spuren auf Denim, vervielfachte Knöpfe, Prints und Applikationen erzeugen das Bild eines eingefrorenen Moments, der sich langsam entfaltet und Raum für Interpretation lässt. Handschuhe werden zum zentralen Motiv, mal als übergroße Fellwärmer, mal als fragile Styling-Details, bis am Ende ein einzelner Handschuh verloren im Weiß zurückbleibt – eine stille Szene, die länger nachhallt als jede laute Geste und zeigt, wie wirkungsvoll Zurückhaltung sein kann.







Bei SOSHIOTSUKI ist Tailoring kein Zitat, sondern ein Werkzeug. Der Fokus liegt auf Konstruktion, Volumen und dem Raum zwischen Körper und Kleidungsstück. So entsteht eine reduzierte, präzise Menswear, die sich bewusst außerhalb kurzfristiger Trends positioniert.
Die Silhouetten wirken kontrolliert und offen zugleich, nie ornamental, immer funktional gedacht.
Kleidung wird hier nicht inszeniert, sondern gebaut – als tragbare Struktur mit klarer Haltung und langfristiger Relevanz.








Zwischen diesen Inszenierungen tritt auch das Publikum selbst als Bildträger in Erscheinung: Die Suit Walks von Sebiro Sanpo führen Anzugträger:innen durch die Straßen von Florenz, nicht als nostalgische Prozession, sondern als bewegtes Manifest für Tailoring im Alltag, für Kleidung, die nicht erklärt werden muss, sondern getragen wird. Stoffe, Schnitte und Proportionen verlassen die statische Messearchitektur und treten in direkten Kontakt mit der Stadt, mit Blicken, Kameras und leiser Irritation – eine Erinnerung daran, dass Mode erst im Gehen ihre Wirkung entfaltet und erst im öffentlichen Raum ihre Relevanz beweist.





Florenz fungiert in diesen Tagen als Auftakt eines internationalen Parcours, der wenige Tage später in Mailand seine Fortsetzung findet, doch die Pitti bleibt der Ort, an dem sich die Signale zuerst verdichten: in der Gleichzeitigkeit von Archiv und Experiment, in der Verbindung von Handwerk und technologischer Öffnung, in der stillen Gewissheit, dass Menswear gerade dann am spannendsten ist, wenn sie sich nicht erklärt, sondern geschieht. Weitere Informationen unter PITTI IMMAGINE Fotos: © PITTI IMMAGINE