Im Cortile della Seta, dem Innenhof des Mailänder Hauptsitzes von Loro Piana, entfaltet sich während der Mailänder Fashion Week eine Inszenierung, die weniger einer klassischen Präsentation als vielmehr einer poetischen Passage durch Zeit und Erinnerung gleicht. Die Herbst/Winter-Kollektion 2026–2027 trägt den Titel „Nomadic Reverie“ – eine nomadische Träumerei – und folgt der Idee des Unterwegsseins, jenem Zustand zwischen Ankunft und Aufbruch, in dem Eindrücke langsam sedimentieren.
Bereits beim Eintreten verändert sich die Wahrnehmung. Wände, vollständig mit Paisley überzogen, tauchen den Raum in ein Muster ein, das seit Jahrzehnten mit der Maison verbunden ist. Ein brauner Moquette-Teppich dämpft die Schritte, schafft Tiefe, Wärme, beinahe eine filmische Atmosphäre. Das Setting wirkt wie das Innere eines imaginären Zuges: glänzendes Mahagoni, gebürstetes Messing, ein schmaler Übergang vom Eingang in den Hauptraum – als bewege man sich durch einen Waggon, während draußen Landschaften vorbeiziehen.



Kurze Gedichte empfangen die Gäste, verteilt wie flüchtige Gedanken. Eine schwebende Bibliothek mit kleinen Heften lädt zum Innehalten ein, während eine Stimme die Texte rezitiert. Es geht um Jahreszeiten, um Temperaturwechsel, um Farben, die sich verändern. Bewegung, Gedächtnis, Dauer – Themen, die sich leise mit der Kollektion verweben.
Im Zentrum steht Paisley. Das über 2.000 Jahre alte Motiv, im 18. Jahrhundert nach Europa gelangt, ist tief im Archiv von Loro Piana in Varallo verankert. In den späten 1960er- und 1970er-Jahren tauchte es erstmals in den Textilien des Hauses auf und wurde seither kontinuierlich weiterentwickelt. Für diese Saison erscheint es in satten Erd- und Kürbistönen, in Ocker, Terrakotta, tiefem Grün und Mitternachtsblau. Fünf außergewöhnlich gearbeitete Schultertücher, im aufwendigen Siebdruckverfahren gefertigt, zeigen die Präzision, mit der das Haus Farbe auf feinstes Cashmere überträgt, ohne dessen Griff zu verlieren.






Die Herrenkollektion folgt einer fließenden Silhouette. Weiche Konstruktionen, natürliche Linienführung, Anzüge mit zurückhaltender Strenge. Ikonen wie Spagna, Roadster oder Winter Voyager erscheinen neu interpretiert. Die Rovasenda-Jacke – inspiriert von einem historischen Modell aus dem piemontesischen Dorf gleichen Namens – verbindet urbane Funktionalität mit subtiler Eleganz. Materialien wie Baby Cashmere, The Gift of Kings®, Pecora Nera® und Merino entfalten eine taktile Präsenz, die zwischen Leichtigkeit und schützender Dichte changiert. Farblich bewegt sich die Kollektion von warmen Ocker- und Terrakottanuancen über Grau- und Brauntöne bis hin zu dunklem Grün und Schwarz-Weiß-Kontrasten für den Abend.






Auch die Damenkollektion bleibt dieser Bewegung treu. Langgestreckte, mehrschichtige Silhouetten, flache Schuhe, markante Hüte. Satin trifft auf Tweed, Wildleder auf Strick, Denim auf feine Wolle. Paisley erscheint neben Jacquards, Fischgrat und Animal-Anklängen. Knitwear in voluminösen Formen bildet das Herzstück – Zopfmuster aus Mouliné-Garnen, weich und zugleich strukturiert. Abends reduziert sich die Palette auf Schwarz und Weiß, die Linien werden skulpturaler, die Details feiner.
Accessoires erweitern die Erzählung: die Extra Softy Bag, Bale und Loom in butterweichem Leder oder textilen Varianten; Schultertücher mit archivalischen Motiven; eine Minaudière aus geblasenem Murano-Glas als stiller Höhepunkt handwerklicher Virtuosität.



Wie Landschaften hinter Zugfenstern verdichten sich Farben, Materialien und Formen zu einem Bild, das weniger laut inszeniert ist als konsequent komponiert. „Nomadic Reverie“ wirkt wie eine Meditation über Bewegung – über das, was bleibt, wenn man weiterzieht. Loro Piana erzählt keine Geschichte des Spektakels, sondern eine der Nuancen: von Stoffen, die Erinnerung speichern, und von Silhouetten, die sich dem Körper anpassen, als wären sie schon lange Teil der eigenen Reise. Weitere Informationen unter LORO PIANA